Die Monatsmarke ist geknackt...Das Eindrücke sammeln geht weiter... und es ist an der Zeit einige Gedanken von mir festzuhalten.
Vor einigen Wochen schrieb mich eine Freundin aus Amerika an, sie benötige ein Interview für ihre Bechlorarbeit, jemand aus einer anderen Kultur sollte es sein. Wie passend dachte ich mir, willigte herzlich und nichtsahnend ein und erhielt einige Tage später ein Fragebogen der mich ins grübeln brachte... Alltag, Routine, Traditionen und Gewohnheiten, lautete das Thema.
Gewohnheiten die ich pflege? Alltagsaktivitäten die ich durchführe? Kultur mit der ich mich identifiziere? Familientraditionen die wir ausleben? Beim Ausfüllen der Fragen tat ich mich sichtlich schwer. Einerseits deshalb, da ich nie ein Freund der steifen deutschen Routine war und selbst mit Rückblick auf mein Leben in Deutschland die Fragen schlecht beantworten konnte, aber andererseits und gerade deshalb, da ich gerade jedes kleinste bisschen an Routine und Tradition die ich in Deutschland dann doch auslebte verloren hatte und mitten dabei war den täglichen Schwall an Eindrücken an bolivianischer Lebensweise und Kultur zu verarbeiten. Das Interview zwang mich zum direkten Vergleich zweier so unterschiedlicher Welten und Kulturen.
Ich bin in Bolivien, habe mit einer ganz bewussten Entscheidung den sicheren Hafen, den mein deutscher Alltag mir bot, verlassen, bin raus geschwommen bis zur anderen Seite der Welt.
Auf dem offenen Meer treffe ich auf Wellen, Wellen die mir zwar auch in Deutschland im Bewusstsein waren, aber viel zu häufig in Vergessenheit geraten sind. Es sind die Wellen der Konfrontation mit fremder Tradition und Kultur, anderen Gewohnheiten, einem anderen Verständnis, Vorurteilen und Ungerechtigkeit, Armut und Rassismus. Große Wellen, große Worte und große Fragen.
Und manchmal, so wie mir in den letzten zwei Wochen, kommen einem die Wellen einfach zu groß vor. Noch ein letztes mal nur ganz kurz Ohren, Augen und Mund schließen sagt mensch sich, unterbricht das Atmen, taucht ab und wartet bis die bedrohlich wirkende Welle vorübergezogen ist.
Doch so einfach geht es hier eben nicht, denn so oft wir auch das Luftanhalten trainieren, letztendlich will die Luft zurück in unsere Lungen. Ich war mir der Konfrontation natürlich im Vorhinein bewusst, aber es sind die alltäglichen Begegnungen mit sozialer Ungerechtigkeit die hier an so gut wie jeder Straßenecke auf einen warten, die es unmöglich machen wegzuschauen.
Ich will mich nicht mehr auf meinen Privilegien ausruhen und untertauchen, sondern zu schwimmen lernen. Ich kann und muss meinen, wenn auch kleinen, gesellschaftlichen Einfluss nutzen, um mich zu engagieren.
Für mich ist, ein solch groß wirkendes Thema wie die soziale Ungerechtigkeit anzusprechen, ein Versuch nach dem Wasser zu greifen, befinde ich mich zurzeit doch noch in der Phase, in der ich schwimmend oder vielleicht eher treibend versuche mir einen Reim aus all dem zu machen, was ich hier täglich erlebe, sehe, wahrnehme und fühle. Gedanken zu überdenken, Selbstverständliches zu hinterfragen und mir eine klare reflektierte Meinung zu bilden. Aber es nicht zu tun wäre auch nicht das Richtige. Denn wenn ich eines weiß, dann ist das, dass das Totschweigen und das Treffen von Fortschritt boykottierenden Ausreden wie: „Der Mensch ist nun mal wie er ist“ oder „Ich kann als Einzelner nicht viel ausrichten“, unsere Angst vor den so ungreifbar wirkenden großen Wellen sicher nicht lindert.So möchte ich meinen Teil dazu beitragen, indem ich meine persönlichen Erfahrungen die ich diesbezüglich hier mache mit euch teilen.
Es adressieren, zum Thema machen und gegenanschwimmen, auch wenn es erst einmal nur gedanklich ist.
Eines bleibt mir am Ende noch zu sagen, es gehört zum schwimmen nun mal dazu abwechselnd von kaltem und warmen Wasser umgeben zu sein. Das kalte Wasser, das deine Poren unsanft öffnet, deine Sinne schärft und dein Blickfeld erweitert. Das warme Wasser, das dich kurz innehalten lässt, dir Wertschätzung und Mut lehrt. Ein Leben zwischen Kältestarre und angenehmer Babybeckenwärme. Jenes Wechselbad der Gefühle ist es, das mich hier so fasziniert. Eine Lebendigkeit die mir immer wieder bestätigt, wie wichtig es ist, aus dem sicheren Hafen der Heimat raus zu schwimmen und einmal mal nicht unterzutauchen. Nach Bolivien zu gehen war die richtige Entscheidung. Es tut mir gut, dass ich schwimme.
