Montag, 6. März 2017

Nach 5 Monaten...

Der folgende Text ist ein Werk aus den letzten 4 Monaten. Ich saß etwas länger dran, habe am laufenden Band dran herumgebastelt, vieles hinzugefügt, viele Gedanken umsortiert aber auch wieder verworfen. Das Veröffentlichen habe ich immer wieder vor mir her geschoben. Es ist wie immer, schwieriges Thema, nur mein Gedankenwirrwarr dazu. Ich würde mich sehr über ein wenig Rückmeldung und auch Austausch freuen. Der Kommentarbereich unter meinen Texten ist für allen offen. Fühlt euch frei einen netten Gruß und eure Meiningen da zu lassen.

Die Anderen. 

          Ja genau, die nächste rechts, por favor. Ich sitze im Taxi auf dem Weg nach Hause. Es ist der gleiche Taxifahrer, den ich beim Einsteigen von 30 auf 20 Bolivianos runtergehandelt hatte (10 Bs = 1,20 Euro). Ich muss dann auf das große weiße Hochhaus dort zeigen, jenes, welches irgendwie so einsam in die Höhe zu ragen scheint. Doch es ist eines von vielen, die das Stadtbild Santa Cruz prägen. Ein Hochhaus in dem so wie in vielen anderen die Hälfte der Wohnungen leer stehen und die Menschen die den Rest bewohnen viel Geld haben.
          Zu meiner Wohnsituation möchte ich noch einmal ein wenig ausholen. Ich hatte mir natürlich bewusst keine großen Erwartungen an meine Lebensweise hier gestellt, in einfacheren Lebensverhältnissen als in Deutschland zu leben stellte sich für mich erst einmal nicht als großen Verzicht da. Hochhaus und Fahrstuhl, wären mir wirklich nicht im entferntester Weise in den Sinn gekommen. Und deswegen hat dieses mich am Anfang auch ein wenig überfordert.
Ein Mitfreiwilliger der mich einmal besuchte sagte :„Das ist ein ganz anderes Bolivien das du kennen lernst“. Ich verstand: Oh wenn es so anders ist, ist es dann überhaupt das richtige?
Natürlich ist es das richtige. Westlich geprägte Hochhäuser gehören genauso zu Bolivien wie Lehmhütten und Sandstraße. Im Verzicht leben zu müssen um das „wahre“ Bolivien kennen zu lernen ist doch irgendwie ein Hirngespinst das wir in uns tragen. Mittlerweile habe ich verstanden, dass es natürlich nichts an der Gesamtproblematik ändert, sich für einen materiellen Wohlstand schlecht zu fühlen, für den mensch selber gar nichts kann. Das Zitat: „Mensch weiß die Dinge erst zu schätzen, wenn er sie verloren hat“ besitzt zwar auch seinen treffenden Funken Wahrheit, aber etwas wertzuschätzen während man es hat ist doch eine viel wunderbarere Sache und meine mückenfreie Oase im 15.Stockwerk wird wertgeschätzt. :)

Aber dennoch: Was störte mich dann so sehr an dem für bolivianische Verhältnisse Luxus in dem ich lebe?
          Für mich war es eine ganz neue Erfahrung. Es ist das erste mal, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der ich nicht zur Massensesselschaft gehöre. Ich falle auf, steche mit meinem Äußeren aus der Masse, wecke verständlicherweise eine Assoziation, die in den Köpfen hier verknüpft ist. Mit weißer Hautfarbe wird man erst einmal in die Schublade „Gringa“ und „Geld“ gesteckt. Und genau hier kommt das Hochhaus ins Spiel. Die Weiße die im Hochhaus wohnt. Es ist, dass es das Bild das ich so ungewollt auslöse verstärkt. Es war ein unterbewusster innerlicher Kampf. Ich wollte dem Stereotyp einfach nicht entsprechen. Obwohl es pauschal nicht einmal ein negativer Stereotyp war. Ich fühlte mich hier in meinen bisherigen fünf Monaten Bolivien noch kein einziges Mal aufgrund meines Äußeren diskriminiert. Das Gegenteil ist der Fall und das beschäftigt mich: Alle meine Erfahrungen hier in Bolivien haben mir gezeigt, dass weiße Hautfarbe hier als etwas sehr positives aufgegriffen wird. Ich treffe auf ganz viel Interesse. Ich werde unglaublich oft angesprochen, mir werden Sitzplätze angeboten, ich muss keinen Eintritt bezahlen (bolivianische Freunde mit denen ich unterwegs bin aber schon) und es werden Fotos mit (oder heimlich von) mir gemacht. Sich unwohl in seiner Haut fühlen, bekam eine ganz neue Bedeutung für mich.
          Einerseits muss ich wohl zugeben, dass ist es erst einmal unangenehm war pauschal als “Weißer/Weiße“ bezeichnet zu werden, das kratzt an Ego und Individuum als das mensch sich selber sieht. Ich fühlte mich beurteilt aufgrund meiner Hautfarbe und Vergangenheit dieser Hautfarbe. Das verübele ich jedoch Niemanden, habe sogar Verständnis dafür, denn was mensch hier mir meiner Hautfarbe ablas, waren ja nicht nur sich ausgedachte Vorurteile, sondern besaß ganz viel Wahrheit. Ja, ich besitzen nun mal durchschnittlich mehr als die Bewohner Boliviens, ich kann es mir leisten zu arbeiten ohne mich dafür bezahlen lassen zu müssen, ein FSJ machen zu dürfen und es vor allem auch zu können ist ein wahnsinniges Privileg, welches ich besitze. Und deswegen gibt es hier das Andererseits und dass machte mir viel mehr zu schaffen. Mein Bild das mir übergezogen wurde war mir unangenehm. Ich wollte dem Stereotyp nicht entsprechen, rein deshalb, da er für mich mit Schamgefühl verbunden ist. Scham für meine Privilegien die ich besitze, ohne auch nur ein Finger dafür gekrümmt zu haben. Privilegien die mir eine grausame und unfaire Vergangenheit in die Wiege legte.
Wie hat mensch damit umzugehen, wenn er unverdient auf der Gewinnerseite steht?  
          Ich, als „Weiße“ gehören in der Gesamtproblematik der Thematik Rassismus nicht zu den negativ Betroffenen. Rassismus ist unfair und es ist Tatsache, dass es nie Rassismus gegen die „Weißen“ an sich geben kann, denn wir stehen auf der Seite die das Machtgefüge definiert. Deswegen ist diese Frage selbstverständlich keine des Selbstmitleids, aber eine Frage die unumgänglich ist in dem persönlichen Prozess im Umgang mit Rassismus, der Kreation eines Verständnis für Rassismus.
          Zweierlei Dinge konnte ich für mich bewusst festhalten. Ich werde erstens niemals vollkommen verstehen können wie sich die tägliche Konfrontation mit Rassismus für die Betroffenen anfühlt. Und zweitens wie unglaublich wichtig es ist, sich von dem fehlenden Nachvollziehen keine Tatsachen verdrängen zu lassen. Was mir in Deutschland wahrlich nicht immer gelungen ist. Bolivien hat mir verdeutlicht, hier wo ich jetzt plötzlich zur Minderheit der Gesellschaft gehöre, wie Rassismus immer noch wie eine schwere Kuppel über uns schwebt, eine seit Jahrhunderten eingebrannte rassistische Anerkennungsordnung, die von beiden Seiten festgehalten wird.
          Um meine Worte mal in Beispielen zu verdeutlichen. Die hier vertretene positive Verknüpfung mit meiner Hautfarbe funktioniert natürlich auch in die andere Richtung. Dass heißt, ich bin tatsächlich auf einige Menschen getroffen, die ihre indigenen Wurzeln verleugnen, sich mir gar sogar mit einer ganz anderen Nationalität vorgestellt haben, mir offen ins Gesicht sagen, dass sie alles dafür tun würden eine solche Hautfarbe wie meine zu besitzen, weil sie für Reinheit und Schönheit steht. Wie erschreckend paradox dieser Effekt doch ist, das es negativ Betroffene gibt, welche die Anerkennungsordnung übernehmen, akzeptieren und sogar reproduzieren. Gerade Bolivien scheint sehr mit der Reproduktion des rassistischen sozialen Maßstabes zu kämpfen zu haben.
Bolivien
          Um das „Wieso“ zu verstehen muss man sich ein wenig genauer mit der bolivianischen Geschichte oder der Geschichte Lateinamerikas auseinandersetzen.
In Bolivien müssen Jahre/Jahrhunderte, die von Unterwürfigkeit und wirtschaftlicher sowie sozialer Exklusion geprägt wurden, überwunden werden. Kolonialzeit muss ich hier nicht genauer erläutern, denn die Geschichtsbücher sind doch eindeutig: Wir versklavten, wir töteten, wir raubten aus...wir rissen Macht an uns die keiner verdient. Mit den Folgen der Kolonialität hatte und hat Bolivien sichtlich zu kämpfen. Auch heute noch ein Land geprägt von politischen Instabilität und Armutsraten, die sich als die höchsten Lateinamerikas aufweisen. Zudem kommt, dass Bolivien sowohl in nationaler Hinsicht, als auch im Bezug auf seine Kulturen, seine Sprachen, sowie seine religiösen, wirtschaftlichen und sozialen Werte ein höchst plurales Land ist. Nicht umsonst nennt es sich „Estado plurinacional de Bolivia“. Bolivien ist multiethnisch, multikulturell, multilingual. Und dieser Multikulti hat in der Vergangenheit oder auch noch heute für Konflikte gesorgt. In keinem anderen Land Lateinamerikas gibt es so eine Varietät an unterschiedlichen Völkern wie in Bolivien.
Die indigenen Völker Boliviens.
          Die „Indiginas“ wurden lange Zeit sozial und politisch kaum beachtet, gar sogar diskriminiert und rassisiert, obwohl sie eine Mehrheit in der Bevölkerung darstellen. Die Wahl 2006 von Evo Morales, dem ersten indigenen Präsidenten Boliviens, brachte viel Schwung in die indigene Bewegung und half dabei die Thematik der Kultur, Ethnie und Ureinwohner in die öffentliche Bewusstsein zurückzubringen. In den letzten Jahren hat die Wahrnehmung indigener Völker und ihrer Interessen auf der lateinamerikanischen sowie auf der internationalen Ebene stark zugenommen. Dies spiegelt sich u.a. in der Verankerung indigener Rechte in internationalen Übereinkommen und Erklärungen wieder. Doch der Weg zur sozialen Gleichstellung ist noch weit.
          Sich weiter mit dem höchst komplizierten politischen Situation Boliviens auseinanderzusetzen sprengt in diesem Blog sichtlich den Rahmen. Grob lässt sich jedoch zusammenfassen, dass sich Evo Morales auf die kulturellen Traditionen zurückbesinnen und das Land aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit befreien will und postiert sich dabei ganz klar gegen den Neolibralismus. Das sorgt natürlich für mächtig Widerstand. Zwischen Befürworter und Gegner Evo Morales gibt es viele, teils sehr radikale Auseinandersetzungen. Ich habe mir bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich ein eigene Meinung bilden können, für mich lässt sich Politik nicht in schwarz oder weiß unterteilen. Doch wenn ich eines weiß, dann ist es, dass das internationale Bild des Prozesses sozialen Wandels in Bolivien und von President Evo Morales, auch von deutschen Medien so verbreitet, ein sehr unvollkommenes ist oder gar eines ist, welches im falschen Deutungsrahmen interpretiert wird. Artikeltitel auf die man in Zeitungen wie die „Welt“ trifft sind vielsagend: "Eine Frage der Hautfarbe: Mit dem Indio-Kult von Boliviens Präsident Evo Morales erlebt Lateinamerika einen Rückfall in die Ideologie der Abstammung"(2006). Die indigenen Bewegung als einen „Rückfall“, einen Weg in noch mehr Rückständigkeit darzustellen beweist, wie wichtig und notwendig die Indigene-Bewegung ist.
          Und ja natürlich gibt es einige soziale Normen hier in Bolivien, besonders was die gesellschaftliche Stellung der Frau angeht, die dringendes Änderungspotential besitzen.
Doch die indigene Kultur ist eine Kultur voller Weisheiten und faszinierenden Traditionen und mit einem bewundernswerten Verständnis und Respekt gegenüber der Natur und Pachamama (Mutter Erde), von denen wir alle noch vieles lernen sollten. Ich durfte schon einige indigene Völker auf meinen kleinen Reisen in verschiedenste Ecken Boliviens kennen lernen, bin immer auf unglaublich liebenswerte Menschen getroffen, durfte einige traditionelle Rituale miterleben und durfte zuhören als sie von ihrer Lebensweise berichteten. Ein Leben, welches z.B. auch ohne Polizei, ohne Überproduktion und stetigen Wachstum funktioniert. In Deutschland oder aber auch Millionenstadt Santa Cruz unvorstellbar. Wie mensch letztendlich Rückständigkeit oder Fortschritt definiert, bleibt im Auge des Betrachters liegen. Ich kann für mich sagen, indigen und rückständig, eindeutig keine Synonyme. Passendere Beschreibungen wären: Naturverbunden, Naturbewusst und kein wenig unglücklicher als wir, obwohl sie nicht im Überfluss leben. 


Ihr Lieben, ich sende euch herzliche Grüße aus Bolivien. Werde hier meine letzten drei Wochen genießen, denn ich bin sehr froh in einem Land leben zu dürfen in dem Traditionen und Kultur überlebten und sich nicht krampfhaft dem Westen angepasst haben. Bin unglaublich gespannt auf meine dann startende Reise durch Peru und Ecuador (hoffentlich bleibt auch noch ein wenig Zeit für Kolumbien) und wie diese mir vllt. auch noch einmal einen ganz anderen Blickwinkel auf Bolivien schenkt. Fühlt euch gedrückt, Besos y un abrazo fuerte, Isabel. 

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