Donnerstag, 26. Januar 2017

Mein Weihnachtsabenteuer

Verspätet aber dafür nicht weniger herzliche Weihnachts- und Neujahrsgrüße.

Mensch, ich könnte ein Buch mit den Erlebnissen der letzten zwei Monate füllen, kann ich aber eben doch nicht, denn mir fehlt es immer an Zeit diese niederzuschreiben. Aber heute ist es so weit, ich versuche mein Glück wenigsten in kurz und knapp ein wenig von mir zu berichten.

Vorab: Mein Gesundheits- und Gemütszustand sind ganz wunderbar. Ich hatte ja dem ein oder anderen ein wenig Sorgen bereitet, da es mich über Weihnachten ganz arg erwischt hatte. Aber Entwarnung, die Höhenkrankheit mit der ich zu kämpfen hatte, hat sich natürlich nach dem Heimkehren nach Santa Cruz und dem Verlassen der Höhe ohne Spuren zu hinterlassen verflüchtigt. Ich bin also wieder ganz die Alte. Aber alles nach seiner chronologischen Reihenfolge:
5.Dezember.2016 Die Talleres
Nach all der Planung fingen endlich die Talleres an. Trotz all der Werbung hatten wir doch zunächst jeder nur eine Hand voll Kinder in unseren Kursen. Doch mit Fortlaufen des Kurses wurden immer mehr Kinder eingeschrieben und so hatten wir am Ende bis zu 20 Kindern das Vergnügen. Chaos brach aus, an allen Ecken und Kanten fehlte es an Materialien und helfenden Händen, doch dass machte überhaupt nichts. Am Ende hat doch immer alles irgendwie funktioniert und die Kinder haben ganz tolle Sachen gezaubert.(Siehe Fotos in der Bildergalarie). Nach insgesamt drei Wochen voller Talleres mündete alles in einem großen Austellungsfest für die Kinder.
22.Dezember.2016 Exposición und Weihnachtsfeier
Dieser Tag war ein ganz besonderer Tag. In der Früh fanden die letzten Kurse statt und wir nutzten die Mittagspause um den Innenhof von Arterias in eine Riesige Austellungswelt zu verwandeln. In allen Ecken war Gemaltes, Gebasteltes und Gewerkeltes zu finden. Es war toll seine Arbeit mit den Kindern noch einmal auf einem Blick sehen zu können. Auch die Traumfänger und Webrahmen aus meinem Stoffkurs unterstützten kräftig das farbenfrohe Gesamtbild, welches nur noch getoppt wurde, als dann nach und nach, wie eben immer in Bolivien, all die Kinder mit ihren Eltern, Großeltern und Geschwisterkindern eintrudelten. Arterias füllte sich mit stolze Kinderaugen und bestaunenden Eltern. Dann begann unser kleines auf die Beine gestellte Unterhaltungsprogramm. Eröffnet durch eine ganz wunderbare Trommelvorführung. Ich fand mich inmitten ausgelassen tanzender Kinder wieder, die fröhlich auf den selbst gebastelten Instrumenten aus meinem Musikkurs musizierten. Ich hätte stundenlang so weiter tanzen können. Doch es ging weiter mit einer Seilakkrobatikperformance, Gitarrenmusik und Diashow und auch unser Theater-taller führte eine kleine Pantomime vor. Gegen Abend leerten sich dann langsam die Wände, Wäscheleinen und Tische, da die Kinder selbstverständlich ihre Sachen mit nach Hause nehmen durften. Und übrig blieben die nach und nach eingetrudelten Arterias-Leute. Wir kochten, musizierten, redeten und stießen an, an auf eine so gelungene Workshopzeit, auf das wir alle beisammen seien können und ich fühlte mich an dem Tag zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn auch wenn am Anfang das Einleben in das Projekt, besonders auch wegen der Sprachprobleme ein wenig holprig war, so kann ich nicht anders als dankbar sein, dafür, dass ich, aber auch die anderen Freiwilligen, so herzlich in die große Arterias-Familie aufgenommen wurden...

23.Dezember.2016 Wenn einer eine Reise tut...
Hoch motiviert, trotz der langen Nacht in den Knochen, starteten Sophia und ich dann am nächsten Morgen unsere Reise nach La Paz. So dachten wir zumindest. Und so vorbereitet wie man eben mit einem in der Früh hastig gepackten Rucksack sein kann, trafen wir uns um 12 Uhr am Busterminal. 18 Stunden Busfahrt lagen vor uns. Dennoch genug Proviant war selbsverständlich vorhanden, allerdings überlebte dieses nicht all zu lange, dann schon bald begann das Frustessen. Der Bus kam nicht. Die ersten zwei Wartestunden bereiteten uns noch nicht so viele Sorgen, schließlich saßen wir an einem katastrophal überfüllten bolivianischen Busbahnhof. Doch es wurde immer später und später und immer mehr wartende Menschen drängten sich auf dem kleinen schattigen Stückchen in dem man so gerade nicht vor Hitze einging. Es dauerte nicht lange bis die Gerüchteküche zu brodeln begann. Aus allen Ecken schnappte man verschiedene Theorien über das Nicht-Eintreffen des Bussen auf. Alle schienen irgendwie irgendwas zu wissen, aber ebend auch niemand etwas Konkretes. Gegen Abend wurde dann Licht ins Dunkle gebracht, die Busgesellschaft bestätigte, dass ein „Bloqueo“ (Streik) der indigenen Bevölkerung die einzige Schnellstraße hin nach La Paz blockierte, ließ ihre Kunden aber weiterhin in dem Glauben später trotzdem loszufahren und so warteten wir geduldig, aßen noch ein wenig mehr und unterhielten uns mit anderen Wartenden, bis es dann um 10 Uhr Abends offiziell gemacht wurde. Heute fahren keine Busse mehr. Aber Morgen sollen wir doch noch einmal unser Glück versuchen. Das Geld der Tickets wurde uns zurückgegeben. Erschöpft und enttäuscht saßen Sophia und Ich dann also gegen 12 Uhr mit all unserem Gepäck wieder in der Mikro auf dem Weg zu ihr nach Hause. Ratlos über unser weiteres Vorhaben schliefen wir ein.

24.Dezember.2016 Weihnachten
Der Handywecker zeigt 4:00 Uhr an. Wir machten uns ein letztes Mal (so dachten wir) auf zum Terminal. Doch dort angekommen wurde unser Hoffnung auch gleich wieder zerschlagen, es wird immer noch gestreikt, aber Morgen sollen wir doch nochmal unser Glück versuchen.... Was blieb uns anderes übrig, schnell in die Mikro gequetscht, ab nach Hause.Weihnachten zu zweit alleine in Santa Cruz? Nein so schnell gaben wir nicht auf. Es lag wahrscheinlich an dem Mix aus Müdigkeit und Frustration, welche sich so langsam breit gemacht hatten, aber kurze Zeit später hatten wir uns ein Taxi gerufen: „Zum Flughafen bitte“ Jetzt wollten wir ans Meer. Komme was wolle, egal was uns der Spaß kostet... Wir verbringen Weihnachten am Meer!
Doch kaum am Flughafen angekommen zerplatzte unser naiver Traum. Denn erstens sind Auslandsflüge viel teurer als gedacht und zweitens hat Bolivien blöderweise kein Meerzugang. Aufgeben und nochmal Bs.70 fürs Taxi ausgeben wollten wir allerdings nicht. Eine kurze Grübelphase und 600 Bolivianos später standen wir in der nicht vorhandenen Security Check Schlange, zwei Boardingpässe, Destino: La Paz in der Hand. Sollten wir also doch noch Weihnachten mit Sophias Freunden verbringen können. Kaum in La Paz angekommen wurde ich von einer Welle an Weihnachtsgefühl eingenommen. Es war kalt. So wie in Deuschland. Also fast um die 15 Grad aber für Santa Cruzeanische Verhältnisse eben kalt. Paulin aus der WG hatte Plätzchen gebacken, die wir genüsslich mit Tee und Kerzenlicht verputzten. Doch nach drei Stunden verflog die Besinnlichkeit genauso schnell wie sie gekommen war. Die Höhe machte sich bemerkbar. Nach und nach setzten Kopfschmerzen, Schlappheit, Herzrasen, Zittern und furchtbarer Übelkeit ein. Aber erspare ich euch die Details. Ich wurde ins Bett gesteckt, wo ich den gesamten Heiligabend benebelt vor mich hin döste, während nebenan zu Weihnachtsmusik selbstgemachte Rouladen mit Semmelknödel und Kohlgemüse verputzt wurde. Am schlimmsten jedoch war der verpasste Nachtisch: Bratapfel und Tiramisu.
25.Dezember.2016 1. Weihnachtstag
Ich will mich lieber kurz halten. Mein Zustand wurde immer schlechter, meine Lunge begann zu schmerzen, Atmen wurde zur Qual und so gipfelte meine Leidensgeschichte in einem ganztägigen Krankenhausmarathon. Nach vier verschiedenen Krankenhäuser inklusive Lungen röntgen, Bluttests und andere mir eher fragwürdig erscheinenden Tests in denen Elektropole an mich angeschlossen wurde, bekam ich dann eine von Isabel nur mäßig verstandene spanische Diagnose. Doch eines konnte ich herausfiltern: kein befürchtetes Lungenödem, sondern nur eine entzündete Lungenhaut. Ich muss zugeben mit den Wissen keine Wasseransammlung in der Lunge zu haben ließ es sich gleich um einiges besser atmen. Die mir verschriebene Medizin wirkte Wunder und schon nach zwei Tagen waren die Schmerzen wieder weg.
27.Dezember.2016 Der höchstgelegenste See der Welt...
Genau rechtzeitig um zum Lago Titicaca weiterzureisen. Immer noch ein wenig klapprig auf den Beinen konnte ich diesen Ausflug dennoch sehr genießen. Wenn es mir zu viel wurde, setzte ich mich einfach in ein Cafe oder ans Wasser, während die anderen zig Aussichtsplattformen hinaufschnauften, denn auch an ihnen ist die Höhe natürlich nicht spurlos vorbeigegangen. Das Highlight unserer Reise war sicherlich die Wanderung über die Isla der Sol. Wir kamen leider, auch in Teilen durch mein Verschulden, musste ich immer noch nach allen 200 Metern eine kurze Pause machen, nicht wirklich schnell voran, vergaßen ein wenig die Zeit und so ging die Sonne unter und übrig blieben plötzlich fünf dunkle, einsame und fröstelnde Gestalten, ausgestattet mit genau einer funktionierenden Handytaschenlampe und jeweils zwei Verteitigungssteinen in der Hand ( vor was genau wir uns verteidigen wollten, kann ich jetzt auch nicht mehr genau sagen, aber ich fühlte mich so um einiges sicherer) mitten im Nirgendwo auf der im Dunklen gleichzeitig beeindruckend und beängstigend mystisch wirkenden Isla. Doch keine Sorge auch dieses Abenteuer haben wir überlebt und konnten uns am nächsten Tag auch wieder über unsere Naivität amüsieren. Beeidruckende Bilder hat diese Wanderung alle Male hinterlassen...
31. Dezember.2016 Feliz Año nuevo...
Rechtzeitig zum AÑO NUEVO kehrten wir dann wieder nach La Paz zurück. Die Aussicht aus El Alto runter auf La Paz hätte wirklich ganz spektakulär sein können, wären wir nicht passend um 12 Uhr eine dicke Nebelwand eingehüllt worden. Und so standen wir da, ohne Feuerwerk, schwer atmend auf der Aussichtsplattform von El Alto. Aber ein Silvester wie wir uns es vorgestellt haben, hätte auch wirklich nicht zu unserer chaotischen Reise gepasst. Nichts konnte meiner Stimmung an diesem Tag was anhaben. Ich war froh Silvester mit Sophia und Hannes verbringen zu können, denn die beiden sind mir in den letzten drei Monaten wirklich ans Herz gewachsen. Wir stopften uns gemeinsam, wie es der bolivianische Brauch so will, zwölf Weintrauben in den Mund, hielten uns in den Armen und stießen mit gezuckertem Wein (auf was für Ideen diese Bolivianer alle so kommen) auf ein 2017 an, das hoffentlich genauso werden würde, wie diese von mir im Schreibfluss über ausführlich beschriebene Reise nach La Paz. Abenteuerlich, spontan, vielfältig, anders, erkenntnis- und erfahrungsreich, voller Höhen aber eben auch Tiefen [in der Höhe ;)], die aber am Ende „halb so wild“ waren, da ich von den richtigen Leuten begleitet wurde.

Auf das 2017 ein lebhaftes Jahr für uns alle wird. Eure im bolivianischen Sommer garende, aber trotzdem zufriedene Isabel.