Verspätet aber dafür nicht weniger
herzliche Weihnachts- und Neujahrsgrüße.
Mensch, ich könnte ein Buch mit den
Erlebnissen der letzten zwei Monate füllen, kann ich aber eben doch
nicht, denn mir fehlt es immer an Zeit diese niederzuschreiben. Aber
heute ist es so weit, ich versuche mein Glück wenigsten in kurz und
knapp ein wenig von mir zu berichten.
Vorab: Mein Gesundheits- und
Gemütszustand sind ganz wunderbar. Ich hatte ja dem ein oder anderen
ein wenig Sorgen bereitet, da es mich über Weihnachten ganz arg
erwischt hatte. Aber Entwarnung, die Höhenkrankheit mit der ich zu
kämpfen hatte, hat sich natürlich nach dem Heimkehren nach Santa
Cruz und dem Verlassen der Höhe ohne Spuren zu hinterlassen
verflüchtigt. Ich bin also wieder ganz die Alte. Aber alles nach
seiner chronologischen Reihenfolge:
5.Dezember.2016 Die Talleres
Nach all der Planung fingen endlich
die Talleres an. Trotz all der Werbung hatten wir doch zunächst
jeder nur eine Hand voll Kinder in unseren Kursen. Doch mit
Fortlaufen des Kurses wurden immer mehr Kinder eingeschrieben und so
hatten wir am Ende bis zu 20 Kindern das Vergnügen. Chaos brach
aus, an allen Ecken und Kanten fehlte es an Materialien und
helfenden Händen, doch dass machte überhaupt nichts. Am Ende hat
doch immer alles irgendwie funktioniert und die Kinder haben
ganz tolle Sachen gezaubert.(Siehe Fotos in der Bildergalarie). Nach
insgesamt drei Wochen voller Talleres mündete alles in einem großen
Austellungsfest für die Kinder.
22.Dezember.2016 Exposición und
Weihnachtsfeier
Dieser Tag war ein ganz besonderer
Tag. In der Früh fanden die letzten Kurse statt und wir nutzten die
Mittagspause um den Innenhof von Arterias in eine Riesige
Austellungswelt zu verwandeln. In allen Ecken war Gemaltes,
Gebasteltes und Gewerkeltes zu finden. Es war toll seine Arbeit mit
den Kindern noch einmal auf einem Blick sehen zu können. Auch die
Traumfänger und Webrahmen aus meinem Stoffkurs unterstützten
kräftig das farbenfrohe Gesamtbild, welches nur noch getoppt wurde,
als dann nach und nach, wie eben immer in Bolivien, all die Kinder
mit ihren Eltern, Großeltern und Geschwisterkindern eintrudelten.
Arterias füllte sich mit stolze Kinderaugen und bestaunenden
Eltern. Dann begann unser kleines auf die Beine gestellte
Unterhaltungsprogramm. Eröffnet durch eine ganz wunderbare
Trommelvorführung. Ich fand mich inmitten ausgelassen tanzender
Kinder wieder, die fröhlich auf den selbst gebastelten Instrumenten
aus meinem Musikkurs musizierten. Ich hätte stundenlang so weiter
tanzen können. Doch es ging weiter mit einer
Seilakkrobatikperformance, Gitarrenmusik und Diashow und auch unser
Theater-taller führte eine kleine Pantomime vor. Gegen Abend leerten
sich dann langsam die Wände, Wäscheleinen und Tische, da die Kinder
selbstverständlich ihre Sachen mit nach Hause nehmen durften. Und
übrig blieben die nach und nach eingetrudelten Arterias-Leute. Wir
kochten, musizierten, redeten und stießen an, an auf eine so
gelungene Workshopzeit, auf das wir alle beisammen seien können und
ich fühlte mich an dem Tag zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn
auch wenn am Anfang das Einleben in das Projekt, besonders auch wegen
der Sprachprobleme ein wenig holprig war, so kann ich nicht anders
als dankbar sein, dafür, dass ich, aber auch die anderen
Freiwilligen, so herzlich in die große Arterias-Familie aufgenommen
wurden...
23.Dezember.2016 Wenn einer eine
Reise tut...
Hoch motiviert, trotz der langen Nacht
in den Knochen, starteten Sophia und ich dann am nächsten Morgen
unsere Reise nach La Paz. So dachten wir zumindest. Und so
vorbereitet wie man eben mit einem in der Früh hastig gepackten
Rucksack sein kann, trafen wir uns um 12 Uhr am Busterminal. 18
Stunden Busfahrt lagen vor uns. Dennoch genug Proviant war
selbsverständlich vorhanden, allerdings überlebte dieses nicht all
zu lange, dann schon bald begann das Frustessen. Der Bus kam nicht.
Die ersten zwei Wartestunden bereiteten uns noch nicht so viele
Sorgen, schließlich saßen wir an einem katastrophal überfüllten
bolivianischen Busbahnhof. Doch es wurde immer später und später
und immer mehr wartende Menschen drängten sich auf dem kleinen
schattigen Stückchen in dem man so gerade nicht vor Hitze einging.
Es dauerte nicht lange bis die Gerüchteküche zu brodeln begann. Aus
allen Ecken schnappte man verschiedene Theorien über das
Nicht-Eintreffen des Bussen auf. Alle schienen irgendwie irgendwas zu
wissen, aber ebend auch niemand etwas Konkretes. Gegen Abend wurde
dann Licht ins Dunkle gebracht,
die Busgesellschaft bestätigte, dass ein „Bloqueo“ (Streik) der
indigenen Bevölkerung die einzige Schnellstraße hin nach La Paz
blockierte, ließ ihre Kunden aber weiterhin in dem Glauben später
trotzdem loszufahren und so warteten wir geduldig, aßen noch ein
wenig mehr und unterhielten uns mit anderen Wartenden, bis es dann um
10 Uhr Abends offiziell gemacht wurde. Heute fahren keine
Busse mehr. Aber Morgen sollen wir doch noch einmal unser Glück
versuchen. Das Geld der Tickets wurde uns zurückgegeben. Erschöpft
und enttäuscht saßen Sophia und Ich dann also gegen 12 Uhr mit all
unserem Gepäck wieder in der Mikro auf dem Weg zu ihr nach Hause.
Ratlos über unser weiteres Vorhaben schliefen wir ein.
24.Dezember.2016 Weihnachten
Der Handywecker zeigt 4:00 Uhr an. Wir
machten uns ein letztes Mal (so dachten wir) auf zum Terminal. Doch
dort angekommen wurde unser Hoffnung auch gleich wieder zerschlagen,
es wird immer noch gestreikt, aber Morgen sollen wir doch nochmal
unser Glück versuchen.... Was blieb uns anderes übrig, schnell in
die Mikro gequetscht, ab nach Hause.Weihnachten zu zweit alleine in
Santa Cruz? Nein so schnell gaben wir nicht auf. Es lag
wahrscheinlich an dem Mix aus Müdigkeit und Frustration, welche sich
so langsam breit gemacht hatten, aber kurze Zeit später hatten wir
uns ein Taxi gerufen: „Zum Flughafen bitte“ Jetzt wollten wir
ans Meer. Komme was wolle, egal was uns der Spaß kostet... Wir
verbringen Weihnachten am Meer!
Doch kaum am Flughafen angekommen
zerplatzte unser naiver Traum. Denn erstens sind Auslandsflüge viel
teurer als gedacht und zweitens hat Bolivien blöderweise kein
Meerzugang. Aufgeben und nochmal Bs.70 fürs Taxi ausgeben wollten
wir allerdings nicht. Eine kurze Grübelphase und 600 Bolivianos
später standen wir in der nicht vorhandenen Security Check Schlange,
zwei Boardingpässe, Destino: La Paz in der Hand. Sollten wir
also doch noch Weihnachten mit Sophias Freunden verbringen können.
Kaum in La Paz angekommen wurde ich von einer Welle an
Weihnachtsgefühl eingenommen. Es war kalt. So wie in Deuschland.
Also fast um die 15 Grad aber für Santa Cruzeanische Verhältnisse
eben kalt. Paulin aus der WG hatte Plätzchen gebacken, die wir
genüsslich mit Tee und Kerzenlicht verputzten. Doch nach drei
Stunden verflog die Besinnlichkeit genauso schnell wie sie gekommen
war. Die Höhe machte sich bemerkbar. Nach und nach setzten
Kopfschmerzen, Schlappheit, Herzrasen, Zittern und furchtbarer
Übelkeit ein. Aber erspare ich euch die Details. Ich wurde ins Bett
gesteckt, wo ich den gesamten Heiligabend benebelt vor mich hin
döste, während nebenan zu Weihnachtsmusik selbstgemachte Rouladen
mit Semmelknödel und Kohlgemüse verputzt wurde. Am schlimmsten
jedoch war der verpasste Nachtisch: Bratapfel und Tiramisu.
25.Dezember.2016 1. Weihnachtstag
Ich will mich lieber kurz halten. Mein
Zustand wurde immer schlechter, meine Lunge begann zu schmerzen,
Atmen wurde zur Qual und so gipfelte meine Leidensgeschichte in einem
ganztägigen Krankenhausmarathon. Nach vier verschiedenen
Krankenhäuser inklusive Lungen röntgen, Bluttests und andere mir
eher fragwürdig erscheinenden Tests in denen Elektropole an mich
angeschlossen wurde, bekam ich dann eine von Isabel nur mäßig
verstandene spanische Diagnose. Doch eines konnte ich herausfiltern:
kein befürchtetes Lungenödem, sondern nur eine entzündete
Lungenhaut. Ich muss zugeben mit den Wissen keine Wasseransammlung in
der Lunge zu haben ließ es
sich gleich um einiges besser atmen. Die mir verschriebene
Medizin wirkte Wunder und schon nach zwei Tagen waren die Schmerzen
wieder weg.
27.Dezember.2016 Der
höchstgelegenste See der Welt...
Genau rechtzeitig um zum Lago
Titicaca weiterzureisen. Immer noch ein wenig klapprig auf den
Beinen konnte ich diesen Ausflug dennoch sehr genießen. Wenn es mir
zu viel wurde, setzte ich mich einfach in ein Cafe oder ans Wasser,
während die anderen zig Aussichtsplattformen hinaufschnauften, denn
auch an ihnen ist die Höhe natürlich nicht spurlos vorbeigegangen.
Das Highlight unserer Reise war sicherlich die Wanderung über die
Isla der Sol. Wir kamen leider, auch in Teilen durch mein
Verschulden, musste ich immer noch nach allen 200 Metern eine kurze
Pause machen, nicht wirklich schnell voran, vergaßen ein wenig die
Zeit und so ging die Sonne unter und übrig blieben plötzlich fünf
dunkle, einsame und fröstelnde Gestalten, ausgestattet mit genau
einer funktionierenden Handytaschenlampe und jeweils zwei
Verteitigungssteinen in der Hand ( vor was genau wir uns verteidigen
wollten, kann ich jetzt auch nicht mehr genau sagen, aber ich fühlte
mich so um einiges sicherer) mitten im Nirgendwo auf der im Dunklen
gleichzeitig beeindruckend und beängstigend mystisch wirkenden Isla.
Doch keine Sorge auch dieses Abenteuer haben wir überlebt und
konnten uns am nächsten Tag auch wieder über unsere Naivität
amüsieren. Beeidruckende Bilder hat diese Wanderung alle Male
hinterlassen...
31. Dezember.2016 Feliz Año
nuevo...
Rechtzeitig
zum AÑO NUEVO kehrten wir dann wieder nach La Paz zurück. Die
Aussicht aus El Alto runter auf La Paz hätte wirklich ganz
spektakulär sein können, wären wir nicht passend um 12 Uhr eine
dicke Nebelwand eingehüllt worden. Und so standen wir da,
ohne Feuerwerk, schwer atmend auf der Aussichtsplattform von El Alto.
Aber ein Silvester wie wir uns es vorgestellt haben, hätte auch
wirklich nicht zu unserer chaotischen Reise gepasst. Nichts konnte
meiner Stimmung an diesem Tag was anhaben. Ich war froh Silvester mit
Sophia und Hannes verbringen zu können, denn die beiden sind mir in
den letzten drei Monaten wirklich ans Herz gewachsen. Wir stopften
uns gemeinsam, wie es der bolivianische Brauch so will, zwölf
Weintrauben in den Mund, hielten uns in den Armen und stießen mit
gezuckertem Wein (auf was für Ideen diese Bolivianer alle so kommen)
auf ein 2017 an, das hoffentlich genauso werden würde, wie diese von
mir im Schreibfluss über ausführlich beschriebene Reise nach La
Paz. Abenteuerlich, spontan, vielfältig, anders, erkenntnis- und
erfahrungsreich, voller Höhen aber eben auch Tiefen [in der Höhe
;)], die aber am Ende „halb so wild“ waren, da ich von den
richtigen Leuten begleitet wurde.
Auf das 2017 ein lebhaftes Jahr für
uns alle wird. Eure im bolivianischen Sommer garende, aber trotzdem
zufriedene Isabel.